Wissenschaftliche Leitlinien

 

Für alle Projekte, die hier präsentiert werden, gelten folgende wissenschaftliche Leitlinien: 

 

1. Appell zu einer um Neutralität bemühten Diskussionskultur - oder: Polemik im Kontext der Nahtodforschung als Folge mangelnder wissenschaftlicher Diskursfähigkeit

 

2. Über Unaussprechliches sprechen – Grundprobleme wissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit Nahtoderfahrungen

 

3. Differenzierung unterschiedlicher Zugangsperspektiven und Erklärungsansätze

 

4. Die interdisziplinäre Erforschung von Nahtoderfahrungen und das ,Wesen wissenschaftlicher Revolutionen’

 

Eine ausführliche Erläuterung dieser Leitlinien wird in Kürze zu lesen sein in den wissenschaftsgeschichtlichen und erkenntnistheoretischen Vorüberlegungen der Monographie E. E. Popkes, Erfahrungen göttlicher Liebe, Band 1: Nahtoderfahrungen als Zugänge zum Platonismus und zum frühen Christentum, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2017, 22-73.   

1. Appell zu einer um Neutralität bemühten Diskussionskultur - oder: Polemik im Kontext der Nahtodforschung als Folge mangelnder wissenschaftlicher Diskursfähigkeit: Bevor unterschiedliche Ansätze von Deutungen und Erklärungen von Nahtoderfahrungen skizziert werden sollen, gilt es sich ein erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Problem zu vergegenwärtigen. Im Kontext der Nahtodforschung lässt sich zuweilen ein Grad an Polemik und persönlicher Diffamierung beobachten, der diskursanalytisch nicht tolerabel ist. Dies mag einerseits dem Umstand geschuldet sein, dass Auseinandersetzungen mit dem Thema Tod bzw. mit der mit der Frage eines etwaigen Lebens nach dem körperlichen Tod nicht nur eine wissenschaftliche Diskussionsebene berühren, sondern stets auch die persönliche Existenz der Diskussionsteilnehmer. Anderseits kann jene Polemik darauf zurückgeführt werden, dass viele unterschiedliche Forschungsfelder an den Diskussionen beteiligt sind, wodurch wiederum sehr konträre Fachkompetenzen miteinander in Konkurrenz treten. Gleichwohl muss festgehalten werden, dass Polemik auf der Ebene einer wissenschaftlichen Kommunikation keinerlei Sinn und Funktion hat. Polemik entsteht oft in solchen Situationen, in denen zwischen einer sachlichen und persönlichen Ebene nicht richtig unterschieden wird. Viele polemische Auseinandersetzungen gehen schlicht auf persönliche Betroffenheit und Eitelkeit bzw. ein mangelndes Maß an wissenschaftlicher Reflexionsfähigkeit zurück. Oder um es mit jener Arbeitsterminologie zu formulieren, die im Folgenden erläutert wird: Im Kontext einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Nahtoderfahrungen muss es möglich sein, dass Vertreter deskriptiver, religiös-ontologischer, skeptischer bzw. reduktionistisch-materialistischer oder parawissenschaftlicher Positionen ihre Ansichten einander kommunizieren, ohne dass es zu polemischen Ausfällen oder persönlichen Diffamierungen kommt. Auf einer wissenschaftlichen Kommunikationsebene kann und darf es auch kein Ziel sein, dass einzelne Sprecherpositionen versuchen, ihre Ansichten anderen Diskursteilnehmer „missionarisch“  aufzudrängen. Es geht vielmehr darum, im interdisziplinären Diskurs die unterschiedlichen Grade an Plausibilitäten gegensätzlicher Erklärungsansätze auszuloten. Vor allem jedoch wird durch Polemik etwas verhindert, was für weitere Forschungen zu diesem Thema von zentraler Bedeutung ist, nämlich eine interdisziplinäre Kommunikation unterschiedlicher Fachexpertisen, über welche ein einzelner Wissenschaftler nicht verfügen kann.  

 

2. Über Unaussprechliches sprechen – Grundprobleme wissenschaftlicher Auseinander-setzungen mit Nahtoderfahrungen: Viele Menschen, die von ihren Nahtoderfahrungen sprechen, heben hervor, dass dieselben die intensivsten und folgenreichsten Erfahrungen ihres Lebens waren. Gleichwohl sei es ihnen unmöglich, ihre Erfahrungen auch nur in Ansätzen angemessen sprachlich wiedergeben zu können. Dies gilt im besonderem Maße für das Phänomen, dass viele Nahtoderfahrene für sich in Anspruch nehmen, während jener Erfahrungen mit anderen Personen bzw. Wesen auf einer non-verbalen Ebene kommuniziert zu haben. Doch wie können prinzipiell inadäquate Erfahrungsberichte zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung werden? Dieses erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundproblem muss bei jeder Auseinandersetzung mit Nahtoderfahrungen vergegenwärtigt werden. Die Probleme potenzieren sich jedoch nochmals, wenn die Konsequenzen jener Prämisse bedacht werden. Inzwischen liegen viele empirische Erhebungen und Dokumentationen von Nahtoderfahrungen vor, die in zuweilen sehr disparaten kulturellen und geographischen Kontexten durchgeführt wurden. Die sprachlichen und intellektuellen Voraussetzungen der betroffenen Personen können erhebliche Unterschiede aufweisen. Auch die methodischen Prämissen und Deutungskategorien, die den jeweiligen empirischen Erhebungen zu Grunde liegen, sind mitunter sehr heterogen. Dabei gilt es stets das methodische Problem zu bedenken, dass ein Raster vorgegebener Fragen, welches von den Urhebern der jeweiligen Erhebung konzipiert wurde, bereits suggestive Züge tragen kann und so die Ergebnisse präfiguriert. Wenn man wiederum darum bemüht ist, die Erfahrungsberichte aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu vergleichen, so ist man zwangsläufig auf sprachliche Übersetzungen angewiesen. Jede Übersetzung birgt jedoch auch Ansätze einer Interpretation. In der Konsequenz bedeutet dies, dass Erfahrungen, die bereits für sich genommen kaum angemessen sprachlich vermittelt werden können, um so schwieriger miteinander zu vergleichen sind.

Angesichts dessen sollten die verschiedenen Versuche, eine große Zahl individueller Erfahrungsberichte zu kategorisieren und zu quantifizieren, stets mit einem gewissen Vorbehalt zur Kenntnis genommen werden. Derartige Statistiken können zwar instruktive Leitlinien wissenschaftlicher Diskussionen aufzeigen. Gleichwohl bleiben Versuche einer definitiven Objektivierung subjektiver Erfahrungen und Erlebnisse erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch betrachtet im hohen Maße problematisch. Diesem Phänomen entspricht es, dass es zwar bereits eine Vielzahl konträrer Ansätze gibt, Nahtoderfahrungen begrifflich zu definieren. Diesbezüglich gilt es die Begriffsdifferenzierung zu beachten, die in der Menü-Leiste als eigenständige Kategorie angeführt ist. 

3. Differenzierung unterschiedlicher Zugangsperspektiven und Erklärungsansätze: Die Frage einer wissenschaftlichen Deutung bzw. Erklärung von Nahtoderfahrungen ist die mit Abstand am kontroversesten diskutierte Frage diesbezüglicher Forschungen. Im Folgenden sollen vier Kategorien von Zugangsperspektiven bzw. Erklärungsansätzen voneinander differenziert werden, nämlich deskriptive, religiös-ontologische, skeptische bzw. reduktionistisch-materialistische und parawissenschaftliche Positionen[1]. Unabhängig von den Stärken und Schwächen der drei folgenden Positionen ist eine erste Zugangsperspektive zu benennen, die auch für die Vermittlung unterschiedlicher Erklärungsansätze hilfreich sein kann, nämlich eine um Neutralität bemühte deskriptive Position. Nahtoderfahrungen können als Phänomene betrachtet werden, die in verschiedenen religiösen und sprachlichen Kontexten begegnen und die offensichtlich auch in früheren Zeugnissen menschlicher Kulturen Analogien besitzen (dies wird auch von Vertretern sogenannter skeptischer bzw. reduktionistisch-materialistischer Positionen eingeräumt). In dieser Hinsicht können sie als kulturelle Phänomene verstanden werden, über die auch auf einer historisch-deskriptiven Ebene diskutiert werden kann, ohne dass unmittelbar die Frage angemessener bzw. unangemessener Deutungen beantwortet werden muss. Würde man stattdessen postulieren, dass Nahtoderfahrungen prinzipiell nicht Gegenstände wissenschaftlicher Forschung sein können, weil sie sich etablierten wissenschaftlichen Paradigmen entziehen, so müsste eine solche Position ihrerseits als wissenschaftstheoretisch defizitär eingestuft werden.

Wissenschaftstheoretisch betrachtet hat die Auseinandersetzung mit Nahtoderfahrungen partiell Affinitäten zu akademischer Theologie bzw. Religionswissenschaft. Letztere können sich ebenfalls religiösen Vorstellungen widmen, die als kulturelle Zeugnisse bzw. Ausdruck spezifischer Welt- und Menschenbilder analysiert werden, ohne dass dabei zugleich der Realitätsanspruch der jeweiligen Konzeptionen erörtert geschweige denn als existentiell bedeutend verstanden werden muss[2].

Eine vergleichbare Differenzierung der Diskussionsebenen wurde in bisherigen wissenschaftlichen Diskussionen zu Nahtoderfahrungen oft nicht beachtet. Aus diesem Grund ist es notwendig, zunächst stets Beschreibungen der Phänomene vorzunehmen, die möglichst neutral gestaltet sein müssen. Erst vor diesem Hintergrund sollten beurteilende Positionen eingenommen werden, die als religiös-ontologisch, skeptisch bzw. reduktionistisch-materialistisch oder parawissenschaftlich kategorisiert werden können.

Religiös-ontologische Positionen verstehen Nahtoderfahrungen als Indizien bzw. Beweise für die Existenz eines unsterblichen menschlichen Bewusstseins bzw. einer unsterblichen menschlichen Seele oder als Beweise einer Existenz Gottes. Derartige Positionen wurden v.a. in frühen esoterisch anmutenden Diskussionsbeiträgen vertreten, die in einer teils bewussten, teils unbewussten Opposition zu wissenschaftlichen Zugangsperspektiven positioniert waren. Dabei wird die Evidenz subjektiver Erfahrungen zumeist als bedeutender eingeschätzt als die Evidenz wissenschaftlicher Zugangsperspektiven.

Als deutlichster Gegensatz zu religiös-ontologischen Positionen können skeptische bzw. reduktionistisch-materialistische Erklärungsansätze verstanden werden. Skeptischen Positionen zufolge können Nahtodforschung im Rahmen der etablierten Paradigmen der jeweiligen Wissenschaften erklärt werden[3]. So wurde z.B. im Bereich neurophysiologischer Erklärungsansätze versucht, Nahtoderfahrungen als Folgen hirnfunktionaler Veränderungen zu deuten. Als Beispiele solcher Erklärungsansätze kann verwiesen werden auf die Hypoxie-Hypothese, die Schläfenlappen- bzw. Temporallappen-Hypothese oder die Neurotransmitter-Hypothese. Dabei wurde verschiedentlich versucht, Teilaspekte von Nahtoderfahrungen künstlich zu stimulieren, z.B. durch neurophysiologische Mechanismen oder pharmakologische Induktionen. Ein weiteres Spektrum skeptischer Positionen eröffnet sich, wenn spezielle Formen psychologischer Deutungsansätze in die Diskussion einbezogen werden. In diesen Diskursfeldern wurde verschiedentlich versucht, Nahtoderfahrungen im Sinne eines unterbewussten Abwehrmechanismus bzw. einer Depersonalisierung im Zusammenhang lebensbedrohlicher Situationen zu deuten. In diesen Formen neurophysiologischer und psychologischer Erklärungsansätze wären Nahtoderfahrungen somit als spezifische Formen von Halluzinationen, Illusionen, Träumen oder Rauschzuständen zu deuten.

Wissenschaftstheoretisch betrachtet basieren die skizzierten Positionen zumeist auf Prämissen, die einem sogenannten „reduktionistischen Materialismus“[4] nahe stehen. Dabei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass Phänomene verschiedenster Art auf materielle Ursachen zurückgeführt und entsprechend erklärt werden können. Dies würde auch für jene Aspekte menschlicher Existenz gelten, die mit den Begriffen ,Seele´, ,Geist´ bzw. ,Bewusstsein´ bezeichnet werden. Die erkenntnistheoretischen Grundzüge eines solchen Welt- und Menschenbildes wurden bereits in der vorsokratischen Philosophie entwickelt und v.a. in der neuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte in unterschiedlichen Forschungsfeldern entfaltet. Die Auseinandersetzung mit den Prämissen eines sogenannten reduktionistischen Materialismus können als eine Kernfrage einer wissenschaftlichen Erforschung von Nahtoderfahrungen und verwandten Phänomenen verstanden werden. Auch wenn die Dimensionen dieser Diskurse in diesem Rahmen nicht angemessen beschrieben werden können, kann eine zentrale Frage bereits angedeutet werden. Viele neurophysiologische und psychologische Diskussionsbeiträge setzen ein gewisses Verständnis von  Materie bzw. Stofflichkeit voraus, ohne dasselbe selbst zum Gegenstand der Diskussionen werden zu lassen. Die Leitfrage ist, was die wissenschaftsgeschichtlichen Hintergründe jenes Verständnisses von Materie bzw. Stofflichkeit sind? Oder um es mit anderen Worte zu formulieren: Ist das Verständnis von Materie bzw. Stofflichkeit, welches in verschiedenen Ausformungen reduktionistisch-materialistischer Welt- und Menschenbilder vorausgesetzt wird, eigentlich noch mit den Erkenntnissen jener Wissenschaftsfelder vermittelbar ist, in denen die Erforschung und Erklärung von Materie bzw. Stofflichkeit das eigentliche Zentrum wissenschaftlicher Arbeiten bildet, also z.B. im Bereich quantenphysikalischer Diskurse? Profunde Fortschritte derartiger Diskussionen werden jedoch nur ermöglicht werden, wenn es zu einem Aufbau interdisziplinärer Arbeitsgruppen kommt, in denen Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche sich kontinuierlich der Erforschung von Nahtoderfahrungen widmen (vgl. die entsprechenden Ausführungen in der Rubrik ,Projekte´).

Parawissenschaftliche Positionen schließen an die zuerst genannten deskriptiven Perspektiven auf Nahtoderfahrungen an, ohne bereits eine religiös-ontologische oder skeptische Position einer Bewertung zu beziehen[5]. Von skeptischen bzw. reduktionistisch-materialistischen Positionen unterscheiden sich parawissenschaftliche Positionen vor allem in ihrem Verständnis des menschlichen Bewusstseins und der Deutung des ,Leib-Seele-Problems‘. Sie verstehen die im Zusammenhang von Nahtoderfahrungen auftretenden Phänomene als Indizien, dass Bewusstsein nicht nur ein Produkt hirnphysiologischer Prozesse ist, sondern dass es unabhängig von der körperlichen Verfasstheit menschlicher Existenz existieren kann. Auf diese Weise könne die interdisziplinäre Erforschung von Nahtoderfahrungen neue Zugangsperspektiven zur Ergründung des ,Leib-Seele-Problems‘ eröffnen.

Dabei gilt es zu betonen, dass der Begriff ,parawissenschaftlich‘ nicht negativ konnotiert ist. Er kennzeichnet vielmehr einen Vorbehalt, bei welchem noch nicht geklärt ist, ob sich ein neues Forschungsgebiet als Protowissenschaft bzw. als Pseudowissenschaft erweisen wird[6]. Parawissenschaftliche Positionen sind darum bemüht, Nahtoderfahrungen als Phänomene zu erklären, die noch nicht im Rahmen bisher etablierter wissenschaftlicher Paradigmen angemessen gedeutet werden können. Es handle sich vielmehr um Phänomene, welche zu Reflexionen bzw. Weiterentwicklungen und gegebenenfalls zu Revisionen jener Paradigmen herausfordern. Solange solche Erklärungsansätze sich in den entsprechenden Diskursfeldern jedoch noch nicht etabliert haben, können bzw. müssen sie als parawissenschaftliche Positionen bezeichnet werden. Wenn es im Zuge weiterer Diskurse zu Paradigmenwechseln kommen sollte, sind auch diese Erklärungsansätze als wissenschaftliche Positionen zu bezeichnen. Die Vorstufen jener Diskurse könnten dann rückblickend als Protowissenschaft bezeichnet werden. Würde sich dieselben hingegen im wissenschaftlichen Diskurs nicht etablieren können, so müsste man jene Ansätze im Nachhinein als Pseudowissenschaften einstufen.

Wissenschaftshistorisch betrachtet waren es oft solche Paradigmenwechsel, durch welche entscheidende Fortschritte innerhalb eines Forschungsfeldes erreicht wurden. Angesichts dessen gilt es sich im folgenden Arbeitsschritt zu vergegenwärtigen, welche entsprechenden Potentiale interdisziplinäre Erforschungen von Nahtoderfahrungen innewohnen.



[1] Diese Differenzierung orientiert sich partiell an den Vorgaben von D. Vaitl, Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen – Techniken – Phänomenologie, Stuttgart 2012, 153f. Im Kontrast zu jenen Vorüberlegung werden jedoch einerseits die sogenannten ,skeptischen Positionen´ als ,skeptische bzw. reduktionistisch-materialistische Positionen´ bezeichnet, um die in den meisten Fällen vorausgesetzten wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Prämissen begrifflich zu benennen. Andererseits werden ,deskriptive Positionen´ als eigenständige Gruppe benannt, um eine Diskussionsebene zu beschreiben, auf der sich die Vertretern aller anderen Positionen bewegen können müssen.

[2] So kann z. B. der Verfasser der vorliegenden Zeilen sich als historisch-kritischer Exeget frühchristlicher Zeugnisse mit frühchristlichen Exorzismusvorstellungen beschäftigen, ohne dass dies in einem etwaigen Krankheitsfall die Konsultation eines Exorzisten nach sich ziehen muss. Zum Umgang mit diesen kulturgeschichtlichen Differenzen vgl. E. E. Popkes, Der Krankenheilungsauftrag Jesu: Studien zu seiner ursprünglichen Gestalt und seiner frühchristlichen Interpretation (Biblisch-Theologische Studien 96), Neukirchen-Vluyn 2014, 140-145.

[3] Für Beispiele entsprechender Einschätzung sei verweisen auf O. Blanke/N. Faivre/S. Dieguez, Leaving Body and Life Behind: Out-of-Body and Near-Death Experience, in: S. Laureys/O. Gosseries/G. Tononi: The Neurology of Consciousness: Cognitive Neuroscience and Neuropathology, Amsterdam 20152, 323,347; S. Blackmore, Dying to live: Near-death experiences, New York 1993, passim; J. C. Saavedra-Aguilar/J. S. Gómez-Jeria, A Neurobiological Model for Near-Death Experiences, in: Journal of Near-Death Studies 7 (1989), 205-222; H.-P. Duerr, Die dunkle Seite der Seele: Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreise, Frankfurt a. M. 2015, passim; K. Jansen, Neuroscience and the near-death experience: Roles for the NMDA-PCP receptor, the sigma receptor and the endopsychosins, in: Medical Hypotheses 31 (1990), 25-29; B. Enkmann, Mythos Nahtoderfahrungen, Stuttgart 2011;  C. Hoppe, Nahtoderlebnisse – Blick ins Jenseits? in: G. Souvignier (Hrsg.), Durch den Tunnel. Nahtoderfahrungen interdisziplinär betrachtet (Netzwerk-Nahtoderfahrungen/Tagungsberichte 2006), Goch 2006, 89-120; G. M. Woerlee, Mortal Minds. The Biology of Near-death Experiences,  Amherst 2005, passim etc.

[4] Zu wissenschaftsgeschichtlichen Hintergründen dieser Terminologie vgl. u. a. A. Wittkau-Horgby, Materialismus. Entstehung und Wirkung in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, passim.

[5] Zu entsprechenden Ansätzen vgl. B. Greyson, Near-Death Experiences, in: E. Cardeña/S. J. Lynn/S. Krippner (Hg.), Varieties of Anomalous Experience: examining the scientific evidence, Washington 20074 (erste Auflage 2000), 315f.; W. Kuhn, Rätsel Nahtoderfahrungen: Neurobiologische Erklärungsmodelle und ihre Grenzen, in: R. Lachner/D. Schmelter (Hg.), Nahtoderfahrungen: eine Herausforderung für Theologie und Naturwissenschaft (Vechtaer Beiträge zur Theologie 16), Berlin 2013, 45-62; P. van Lommel, Endloses Bewusstsein: neue medizinische Fakten zur Nahtodforschung, Düsseldorf 20126, passim; P. Fenwick, Gehirn, Geist und was darüber hinausgeht, in: S. Grof u. a. (Hg.), Wir wissen mehr als unser Gehirn, Freiburg i. Br. 2003, 37-56;  E. F. Kelly/E. W. Kelly/A. Crabtree/A. Gauld/M. Grosso/B. Greyson, Irreducible Mind: Toward a Psychology for the 21st Century, Lanham u.a. 2007, passim; G. Lier, Das Unsterblichkeitsproblem. Grundannahmen und Voraussetzungen (2 Bänd), Göttingen 2010, passim.

[6] Zur Definition und wissenschaftstheoretischen Etablierung dieser Begriffe vgl. die Beiträge der Sammelbände G. L. Eberlein (Hg.), Schulwissenschaft, Parawissenschaft, Pseudowissenschaft, Stuttgart 1991;  D. Rupnow/V. Lipphardt/J. Thiel, C. Wessely (Hg.), Pseudowissenschaft – Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt a. M. 2008.

 

4. Interdisziplinäre Forschung zu Nahtoderfahrungen und das ,Wesen wissenschaftlicher Revolutionen’: Wenn man sich mit der Geschichte der wissenschaftlichen Erforschungen von Nahtoderfahrungen beschäftigt, so drängt sich die Frage auf, inwieweit ihr etwas zu eigen ist, was Thomas S. Kuhn, einer der profiliertesten Wissenschaftsphilosophen und Wissenschaftshistoriker des 20. Jahrhunderts, als das „Wesen (...) wissenschaftlicher Revolutionen“[1] bezeichnet hat. Die in hohem Maße kontroversen Debatten evozieren immer wieder eine wissenschafts- und erkenntnistheoretische Kernfrage. Diese Frage ist, ob Nahtoderfahrungen im Rahmen der etablierten Paradigmen der an den Diskussionen beteiligten Wissenschaften angemessen erklärt werden können oder ob sie vielmehr zu Revisionen bzw. Weiterentwicklungen jener Paradigmen herausfordern? Dabei gilt es zu beachten, dass Thomas S. Kuhn an verschiedenen Forschungsfeldern darlegen konnte, dass derartige Paradigmenwechsel oft nicht durch kontinuierliche Entwicklungen innerhalb eines Diskursfeldes herbeigeführt wurden. Dies war v.a. dann der Fall, wenn die beteiligten Wissenschaftler nicht im Stande waren, die historisch gewachsenen Paradigmen ihrer Disziplinen selbstkritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu bestimmen.

Auch in jenen Forschungsfeldern, in denen die skizzierten skeptischen bzw. reduktionistisch-materialistischen Positionen formuliert werden, gibt es keine einheitlichen Meinungsbilder. So lehnen es z.B. verschiedene Neurophysiologen und Psychologen aufgrund wissenschaftlicher Beobachtungen ab, Nahtoderfahrungen für Halluzinationen, drogeninduzierte Träume oder Notfunktionen eines sterbenden Gehirns zu halten. Eine Kernfrage entsprechender Diskurse kann mit den Worten eines Diskursteilnehmers charakterisiert werden, der aufgrund seiner wissenschaftlichen Qualifikation hierfür geradezu prädestiniert ist. Der Neurologe und Psychologe Dieter Vaitl hat in einer der jüngeren Studien zu Nahtoderfahrungen ein Resümee formuliert, welches das Dilemma der gegenwärtigen Forschungsdiskussionen treffend auf den Punkt bringt:

 

„Die erste und zentrale Frage lautet: Wie können mentale Prozesse bei klarem Bewusstsein ablaufen, wie sie von NTE-Betroffenen geschildert werden, wenn die bisher bekannten neurophysiologischen und zerebralen Prozesse für einen Bewusstseinsverlust sprechen? (...) Beim derzeitigen Kenntnisstand müssen wir uns eingestehen, dass es für die oben geschilderte Diskrepanz keine plausible Erklärung gibt. Es ist und bleibt ein Paradox!“[2]

 

Diese von Dieter Vaitl diagnostizierte Paradoxie ist umso bemerkenswerter, wenn man sich vergegenwärtigt, welche fundamentalen Fragen die Forschungsdiskurse noch immer prägen. Aus einer Fülle solcher offener Fragen sollen nur einige signifikante Beispiele benannt werden: Wie kann es z. B. sein, dass Menschen, die bereits in früher Kindheit erblindet sind bzw. sogar blind geboren wurden, nach einer Nahtoderfahrung beschreiben können, wie sie selbst zum Zeitpunkt dieser Erfahrung aussahen und in welcher konkreten Umgebung sich die lebensbedrohlichen Ereignisse abgespielt haben? Wie ist es zu erklären, dass taube Menschen auf einmal die Gespräche wiedergeben können, welche Rettungskräfte miteinander führten, als sie in akuter Lebensgefahr gerettet wurden? Wie kommt es dazu, dass Menschen zuweilen nach einer Operation, die während einer Vollnarkose an ihnen durchgeführt wurde, detailliert beschreiben können, was während dessen von den behandelnden Ärzten für spezifische Maßnahmen vorgenommen wurden und was sich darüberhinaus im und außerhalb des Operationssaals abspielte? Wie kommt es, dass Menschen während Nahtoderfahrungen fast ausschließlich Verstorbenen begegnen? Und wie kann erklärt werden, dass sie zuweilen nach einer solchen Erfahrung eine Kenntnis von verstorbenen Familienmitgliedern haben, von deren Existenz sie vorher nie gehört hatten? Wie ist es zu erklären, dass viele Menschen nach Halluzinationen oder drogeninduzierten Rauschzuständen massive psychologische Probleme erleiden, während die meisten Nahtoderfahrenen nach einer intensiven Verarbeitung gerade diese Erfahrung selbst als Fundament einer neuen positiven Weltsicht verstehen? Wie kommt es dazu, dass viele Menschen infolge dessen sogar medizinische Heilungen erleben konnten, für die es nach schulmedizinischen Kategorien keine Erklärung gibt? Und wenn es so wäre, dass – wie verschiedentlich postuliert wird – alle Teilaspekte von Nahtoderfahrungen durch neurophysiologische Mechanismen oder pharmakologische Induktionen künstlich hergestellt werden könnten, warum können dann nicht deren therapeutische Potenziale auf psychologischer und physiologischer Ebene künstlich bewirkt werden? Warum sind die Kernaspekte der ,Nahtoderfahrungen im engeren Sinne‘ einander so ähnlich, obwohl sie aus völlig unterschiedlichen kulturellen Kontexten stammen können? Will man etwa postulieren, dass jeder Mensch über ein vergleichbares neuronales Programm verfügt, welches ihm den eigenen Tod erleichtern soll? Und wenn letzteres der Fall sein sollte, welchen Sinn machen dann furchterregende Ereignisse in Todesnähe, die den Sterbeprozess gerade nicht erleichtern?  

Derartige Fragen beschäftigen die Nahtodforschung seit ihren Anfängen und werden sie auch weiterhin begleiten. Sie veranschaulichen, was die eigentlichen Kernfragen wissenschaftlicher Diskurse zu Nahtoderfahrungen sind. Nahtoderfahrungen sind wissenschaftstheoretische Grenzfälle, welche eine neue Zugangsperspektive zu einer Grundfrage menschlicher Existenz eröffnen: Was ist ,Bewusstsein? In welchem Verhältnis steht das, was gemeinhin mit den Begriffen ,Geist´, ,Seele´ und ,Körper´ bezeichnet wird? In welchem Verhältnis stehen ,Geist´ und ,Materie´? Die bisherigen Diskurse lassen oftmals redundante Wiederholungen vergleichbarer Diskussionsbeiträge und Diskussionsstrukturen beobachten. Profunde Fortschritte der Forschung werden nur erreicht werden können, wenn es zu einem Aufbau interdisziplinärer Arbeitsgruppen kommt, in welchen Wissenschaftler jener unterschiedlichen Fachbereiche sich kontinuierlich der Erforschung von Nahtoderfahrungen widmen. Dies zu fördern, ist eines der zentralen Anliegen der entsprechenden Projekte, welche an der Christian-Albrechts-Universität Kiel zukünftig durchgeführt werden sollen.



[1] Vgl. T. S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen; zweite revidierte und um das Postskriptum von 1969 ergänzte Auflage (revidierte Übersetzung von Hermann Vetter), Frankfurt a. M. 1976, 104.

[2] So D. Vaitl, Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen – Techniken – Phänomenologie, Stuttgart 2012, 159f.