Begriffsdifferenzierungen

 

In der bisherigen Forschungsgeschichte wurden unterschiedliche Konzepte herausgearbeitet, das Phänomen ,Nahtoderfahrungen‘ begrifflich zu definieren[1]. Angesichts der vielschichtigen und partiell disparaten Ansätze von Definitionen legt es sich nahe, fünf Unterkategorien von einander zu differenzieren,  nämlich ,Transzendenzerfahrung‘,  ,Nahtoderfahrungen im weiteren Sinne‘, ,Nahtoderfahrungen im engeren Sinne‘, , Transformationserfahrungen‘ und ,Erfahrungen göttlicher Liebe.‘

Als ein erstes Differenzkriterium kann die Bestimmung der Nähe zum Tod bzw. biologischen Exitus des menschlichen Individuums gewertet werden, nämlich die Differenz einer objektiven bzw. medizinisch dokumentierten Todesnähe, einer subjektiv wahrgenommenen Todesnähe und einer nicht bestehenden Todesnähe. Die drei Begriffe ,Transzendenzerfahrung‘, ,Nahtoderfahrungen im weiteren Sinne‘ und ,Nahtoderfahrungen im engeren Sinne‘ sind dabei wie konzentrische Kreise einander zugeordnet: Der Begriff ,Transzendenzerfahrung‘ ist zunächst sehr weit gefasst. Er bezeichnet alle Phänomene, bei denen Menschen subjektiv für sich in Anspruch nehmen, ein verändertes Bewusstsein wahrgenommen zu haben, eine Form von „Transzendenz“[2], welche einem normalen Spektrum individueller Wirklichkeitswahrnehmungen nicht entspricht bzw. über dieselben hinausreichet. Als Beispiele hierfür kann verwiesen werden auf Erfahrungen von Mystikern unterschiedlicher religiöser Provenienz, Erfahrungen im Zusammenhang spezieller Meditationspraktiken, schamanistische Vorstellungen, Erfahrungen in Folge von Drogenkonsum etc. Der Begriff ,Nahtoderfahrungen im engeren Sinne‘ bezieht sich auf Erfahrungen, die ,im engeren Sinne‘ in medizinischen Notsituationen stattgefunden haben und bei denen die medizinische Notlage dokumentiert bzw. nachweisbar war. Demgegenüber beziehen ,Nahtoderfahrungen im weiteren Sinne‘ auch solche Erfahrungen ein, in denen die Betroffenen subjektiv für sich wahrgenommen haben, in Todesnähe zu sein. 

Vor dem Hintergrund dieser Differenzierung sollen zwei weitere Begriffe in die Diskussion eingeführt werden. Der Begriff ,Transformationserfahrung´ nimmt einen Gedanken von William James auf, einem der Gründerväter der Religionspsychologie. William James zufolge gilt es nicht nur zu beachten, welche subjektiven Erfahrungen Menschen für sich in Anspruch nehmen. Entscheidend sei, welche Konsequenzen sie für deren weiteres Leben haben[3]. Es geht also um die Frage, ob und wenn wie sich eine Existenz nach einer Erfahrung transformiert. Solche Transformationen können wiederum sehr unterschiedliche positive und negative Konsequenzen haben. Angesichts dessen wird mit dem fünften Begriff auf einen speziellen Anspruch Bezug genommen. Es geht um das Phänomen, dass Menschen ihr Leben transformieren, weil sie für sich in Anspruch nehmen, eine ,Erfahrung göttlicher Liebe´ gemacht zu haben. Der Begriff ,göttliche Liebe´ soll zum Ausdruck bringen, dass die Betroffenen für sich in Anspruch nehmen, eine Dimension von Liebe, Geborgenheit und Glückseligkeit erfahren zu haben, welche die Erfahrungen ihres bisherigen Lebens kategorisch übertreffen. Viele dieser Menschen entwickeln verstärkt altruistisch ausgerichtete Lebenseinstellungen. So wird z.B. oftmals einer solidarischen Fürsorge für hilfsbedürftige Mitmenschen oder der Wahrnehmung von Natur und Umwelt eine gesteigerte Wertschätzung zu Teil, während das Streben nach materiellen Werten wie Reichtum bzw. einem höheren Lebensstandard an Bedeutung verliert. Neben diesen ethischen bzw. lebenspraktischen Akzentverschiebungen entwickeln viele Menschen in Folge von Nahtoderfahrungen auch Ansichten, die als religiöse bzw. spirituelle Vorstellungen bezeichnet werden können. Dies gilt z.B. für individuell gewonnene Überzeugungen, dass der körperliche Tod nur als das Ende der vorfindlichen körperlichen Verfasstheit menschlicher Existenz zu verstehen sei. Auch wenn wie bei jedem anderen Mensch der Prozess des Sterbens z.B. aufgrund von schweren Krankheiten als belastende Lebensphase wahrgenommen werden kann, haben viele Nahtoderfahrene vor dem Tod selbst keine Angst mehr. Probleme bereiten psychologische Verarbeitungen derartiger Nahtoderfahrungen v.a. in solchen Konstellationen, in denen die jeweiligen Mitmenschen nicht bereit bzw. fähig sind, die neu gewonnenen Lebenseinstellungen der Betroffenen zu tolerieren bzw. zu akzeptieren. In solchen Konstellationen kann es dazu kommen, dass Nahtoderfahrene ihr Leben grundlegend ändern, z.B. im Bereich von Partnerschaften, beruflichen Tätigkeiten, Distanzierungen von vertrauten religiösen oder sozialen Gemeinschaften etc.

Des weiteren gilt es sich einen Aspekt zu vergegenwärtigen, der die Zuordnung der Begriffe nochmals erschwert: Transformationserfahrungen in Folge von Erfahrungen göttlicher Liebe können nämlich in allen Kontexten auftreten, die mit den drei ersten Teilbegriffen bezeichnet werden, also im Kontext von ,Transzendenzerfahrung‘, ,Nahtoderfahrungen im weiteren Sinne‘ und ,Nahtoderfahrungen im engeren Sinne‘. Da solche Erfahrungen somit auch in Lebenssituationen gemacht werden können, bei denen keine Lebensgefahr besteht, ist m.E. der Begriff Nahtoderfahrungen unpräzise. Aber es ist nur schwer möglich, einen Begriff zu modifizieren, der in den entsprechenden Diskursen seit Jahrzehnten verwendet wird. Aus diesem Grund wird der Begriff Nahtoderfahrungen auch in meinen Studien verwendet, wobei jedoch stets die Differenzierung der skizzierten fünf Teilbegriffe berücksichtigt werden muss. 



[1] Zur Skizze unterschiedlicher Definitionsversuche vgl. u.a. B. Greyson, Near-Death Experiences, in: E. Cardeña/S. J. Lynn/S. Krippner (Hg.), Varieties of Anomalous Experience: examining the scientific evidence, Washington 20074, 315f.; H. Knoblauch, Berichte aus dem Jenseits: Mythos und Realität der Nahtoderfahrung (Lizenzausgabe der Erstauflage Freiburg 1999), Erftstadt 2007, 18; P. van Lommel, Endloses Bewusstsein: neue medizinische Fakten zur Nahtodforschung, Düsseldorf 20126, 33; J. Long, Evidence of the afterlife. The Science of Near-Death Experience (with Paul Perry), New York 2010, 5; G. Ewald, Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen: Gibt es eine unsterbliche Seele?, Kevelar 20123, 7ff.

[2] Zu den begriffsgeschichtlichen und wissenschaftstheoretischen Implikationen der Differenzierung der Begriff ,Transzendenz‘ und ,Immananz‘ vgl. die instruktiven Beiträge des Sammelbands I. U. Dalferth/P. Bühler/A. Hunzinger (Hg.), Hermeneutik der Transzendenz, Tübingen 2015, passim. Gleichwohl wäre es unpräzise, den Begriff ,Nahtoderfahrungen‘ durch den Begriff ,Transzendenzerfahrung‘ ersetzen zu wollen, da auf diese Weise die terminologischen Probleme nur verschoben, aber nicht gelöst werden. Gegen S. Högl, Transzendenzerfahrungen. Nahtod-Erlebnisse im Spiegel von Wissenschaft und Religion, Marburg 2006, passim.

[3] Vgl. W. James, Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur, übersetzt von Eilert Herms und Christian Stahlhut, Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997, passim. Zur Wirkungsgeschichte dieser Konzeption vgl. F. Krämer, Erfahrungsvielfalt und Wirklichkeit. Zu William James’ Realitätsverständnis, Göttingen 2006, passim.